Newsnational Montag, 11.06.2018 |  Drucken


Jugendliche haben ein negatives Islambild

Jugendliche sind für Neues offen - manchmal aber zeigen sie althergebrachte Abwehr: Islamfeindlichkeit ist unter jungen Menschen weit verbreitet. Das zeigt eine aktuelle Studie. Die Autorinnen entwickeln Gegenmodelle.

Die Klischees sind nicht neu: Besonders viele Jugendliche denken, dass muslimische Frauen immer von einem gewaltbereiten Mann unterdrückt werden. Sie glauben generell, dass viele Muslime gewalttätig und dem Islamismus zugewandt sind. Die islamfeindlichen Positionen der Jugendlichen decken sich mit denen, die in Öffentlichkeit und Medien kursieren, sagt Lamya Kaddor, Islamwissenschaftlerin und Leiterin des Forschungsprojekts, der DW. Junge Menschen, die um das Jahr 2001 geboren wurden, kämen offenbar an bestimmten Bildern des Islams nicht vorbei.

Für die Studie der Universität Duisburg-Essen im Auftrag der Stiftung Mercator haben die Forscherinnen Tiefeninterviews mit 20 Schülerinnen und Schülern aus Nordrhein-Westfalen geführt und über 800 islamfeindliche Aussagen ausgewertet. Dabei entdeckten sie als zentrale Themen: Geschlecht und Glaubenspraxis sowie die angeblich verbreitete Gewalt und Unzivilisiertheit von Muslimen. 

Die Wissenschaftlerinnen untersuchten auch, warum die Jugendlichen islamfeindliche Positionen vertreten, das heißt, wo sie damit an der eigenen Biographie anknüpfen. Lamya Kaddor beschreibt vor allem zwei Muster. 

Zum einen gibt es das Modells des Stellvertreters: Dabei steht eine Person aus dem Umfeld der Jugendlichen stellvertretend für alle Muslime oder den Islam. Die Feindlichkeit ergibt sich aus den (vermuteten) Eigenschaften dieser Person.  Das zweite Muster ist das der Kollektivgeschichte. Demnach werten Jugendliche Muslime dann ab, wenn es in ihrer Familiengeschichte dafür Ansatzpunkte gebe, etwa wenn die Familie oder ihr Umfeld mit dem Nahost-Konflikt zu tun habe. Es gibt aber auch Brüche im Feindbild, denn die Jugendlichen unterschieden oft zwischen einer sachbezogenen und einer persönlichen Ebene. "Eine Aussage war zum Beispiel: Das Kopftuch steht für die Unterdrückung der Frau. Aber meine Schulfreundin trägt es freiwillig", berichtet Lamya Kaddor. Der Islam sei für sie ein Konstrukt, das sie oft als Feindbild sähen, während die Jugendlichen in ihrer Lebenswelt auch fähig seien, zu differenzieren und zu reflektieren. Da müsse bei der gesellschaftspolitischen Bildung angesetzt werden, meint Kaddor. "Diese Kompetenzen müssen wir stärken." 

Deswegen seien die Befragungen auch in Nordrhein-Westfalen durchgeführt worden, einem Bundesland, in dem es viel multikulturelle Diversität gebe. Hier lebten viele Muslime, hier seien ihre Glaubenspraxis und ihre Symbole für die meisten jungen Menschen ein "normaler Bestandteil gesellschaftlichen Lebens", so die Autorinnen. 

Ihr Ziel ist, Konzepte für die Bildungsarbeit an Schulen zu entwickeln. Darum interessiert sie besonders, wie die Jugendlichen islamfeindliche Haltungen entwickeln - obgleich Muslime zu ihrem Alltag gehören und sie persönliche Erfahrungen mit ihnen haben. In einem zweiten Schritt wollen die Wissenschaftlerinnen untersuchen, wie weit verbreitet die islamfeindlichen Positionen von Jugendlichen sind. Abschließend wollen sie Lehrerinnen und Lehrern, Pädagoginnen und Pädagogen Empfehlungen geben, wie sie mit islamfeindlichen Haltungen der jungen Menschen umgehen können. 

Diese Aufklärung über Islamfeindlichkeit sei wichtig, betont Lamya Kaddor, gerade angesichts aufgeheizter Debatten zum Beispiel in deutschen Talkshows. Viele Menschen äußerten sich islamfeindlich, ohne es zu merken. Bei Jugendlichen könne noch früh angesetzt werden, damit ihre Feindbilder sich nicht verfestigen.




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