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Montag, 21.06.2021

Doku über Finanzspekulationen zu später Stunde im Ersten

Wie Rohstoffspekulanten die Preise für Brot, Wasser, Öl und Wohnraum täglich weiter in die Höhe treiben und weltweit die Lebenshaltungskosten der Verbraucher erhöhen und was das auch mit dem Chaos im Nahen Osten zu tun hat

Stuttgart (KNA) Was haben die Schwankungen an den Rohstoffbörsen des Westens damit zu tun, dass sich in Tunesien ein verzweifelter Vater auf dem Marktplatz selbst anzündet? Das fragt der Autor und Regisseur Rupert Russell in seiner Dokumentation "Boom und Crash - Wie Spekulation ins Chaos führt". Er untersucht darin die weltweiten Zusammenhänge von Finanzspekulationen mit den Einzelschicksalen der Menschen. Er spricht mit Verursachern und Betroffenen und zeigt Beispiele aus New York, Russland, dem Irak, Kenia, Guatemala und Venezuela. Außerdem interviewt er zahlreiche Experten. Das Erste strahlt den Beitrag am 23. Juni um 23.45 Uhr aus."

Weltweit profitieren Finanzspekulanten davon, die Preise für lebensnotwendige Güter nach oben zu treiben", so Russell. Diese Entwicklung könne im Endeffekt "zu Wirtschaftscrashs, Revolten und sogar Kriegen führen". Mit der Metapher des "Schmetterlingseffekts", die aus der Chaos-Theorie der Mathematik stammt, erklärt er, wie sich kleine Veränderungen auf den Rohstoffmärkten und Preismanipulationen auf die Lebensverhältnisse auswirken. Die Theorie besagt, dass durch kleine Ursachen - wie zum Beispiel den Flügelschlag eines Schmetterlings - ein Wirbelsturm entstehen kann.Der Physiker Yaneer Bar-Yam, Gründungspräsident des New England Complex Systems Institute Boston, erklärt im Film, dass er die Chaos-Theorie für die Entwicklung der Rohstoffpreise einsetze, um beispielsweise die "Kipp-Punkte" zwischen Börsen- und Spekulationspreisen von Mais, Weizen und Reis vorhersagen zu können. Im Dezember 2010 habe er die US-Regierung gewarnt; wenige Tage, bevor sich ein tunesischer Gemüsehändler selbst anzündete und damit die sozialen Unruhen des "Arabischen Frühlings" auslöste.

Russells Recherchen führen ihn auch in den Nahen Osten. Er beobachtet die Aufräumarbeiten in der irakischen Stadt Mossul, spricht mit Einwohnern und überlegt, ob die Zerstörung die Folge eines "Finanz-Tsunamis" sein könnten, der von den Börsen ausging, nachdem im Jahr 2000 in den USA ein Deregulierungs-Gesetz verabschiedet wurde, das die Höchstanzahl der Händler aufhob, die mit Rohstoffpreisen spekulieren durften.

Ein weiteres Kapitel widmet Russell den sozialen Unruhen im Nahen Osten, wo sich Tausende von Migranten auf den Weg nach Europa machten und die Flüchtlingskrise von 2015 mit auslösten. Die Ölkrise von 2011, so Russell weiter am Beispiel von Libyen und dem Irak, trieb den Ölpreis an den Börsen von 4 auf 90 Dollar, bis die Ölblase 2014 platzte. Weiter führen die Recherchen des Dokumentarfilmers nach Russland, wo 2010 eine Hitzewelle Exporte aus der Getreideernte unmöglich machte. Eine Verdopplung der Weizenpreise war die Folge.

Der wohl dramatischste Fall sei Venezuela, wo die Bevölkerung hungere. Russell befragt Straßenkinder, die Müll sammeln, eine Schwarzmarkthändlerin und eine junge Mutter: "Ich muss mich sterilisieren lassen", berichtet Sofia Perez - stellvertretend für immer mehr Frauen. Und weiter: "Unsere Situation ist sehr hart". Sie habe schon drei Kinder, und ein Monatsgehalt reiche nicht aus, um auch nur für einen Tag genug zu essen zu kaufen.

Die Spekulationen der Finanzspekulanten mit den lebensnotwendigen Gütern verstärkten diese Entwicklungen, warnt Russell. So mache ihr Handeln aus Krisen in Lichtgeschwindigkeit Katastrophen. "Irgendwie ist in Vergessenheit geraten, dass ökonomisches und menschliches Wohl zusammenhängen. Das ist ein Zeichen des Scheiterns unseres Wirtschaftssystems", lautet das Fazit des Filmemachers. "Auf keinen Fall soll und darf das Wohl der Wirtschaft vom Wohl der Menschen abgekoppelt werden".Insgesamt legt Russell eine vielseitige Dokumentation vor. Er macht auf wichtige Zusammenhänge aufmerksam, wenn auch der vor jedem Kapitel neu beschworene "Schmetterlingseffekt" der Chaos-Theorie irritiert.