Newsinternational Dienstag, 18.09.2018 |  Drucken

"Utoya 22. Juli" über den GrossTerror auf der norwegischen Insel

Das Massaker von AndersBreivik auf der Insel Utoya schokierte nicht nur Norwegen. Der Film "Utoya 22. Juli" zeichnet die Geschehnisse mit einer Protagonistin nach. Das hat nicht nur Vorteile

Bonn - Der Blick ist durchdringend und frontal in die Kamera gerichtet, die Schwere des Folgenden bereits in dieser Einstellung eingeschrieben. "Das wirst du nie verstehen", lautet der erste Satz der 19-jährigen Kaja. In der Situation ist er Teil des Versuchs, ihre Mutter am Telefon zu beruhigen. Es ist der Spätnachmittag des 22. Juli 2011. Zwei Stunden zuvor ist in Oslo eine Autobombe explodiert, die acht Menschen tötet.

Auch Kaja ist sichtlich aufgewühlt, verlässt sich aber auf den vermeintlichen Schutz, den ihr das Sommerlager auf der Insel Utoya bietet. Sie brauche sich keine Sorgen zu machen, versichert Kaja ihrer Mutter. Die anderen Jugendlichen teilen ihre Meinung: In dieser Situation sei eine Insel der sicherste Ort überhaupt.

Der norwegische Regisseur Erik Poppe zeigt am Anfang von "Utoya 22. Juli" (ab Donnerstag im Kino) die letzten Minuten einer trügerischen Ruhe, bevor die Hölle losbricht. Gerade haben Kaja und andere junge Menschen noch über die Hintergründe des Oslo-Anschlags gemutmaßt, als sie sich unversehens inmitten panischer Jugendlicher befinden, die schreiend davonrennen, Schutz suchen und flüchten.

Poppe zieht den Zuschauer unmittelbar in die grausamen Geschehnisse hinein, durch die die kleine norwegische Insel an diesem Sommertag zu trauriger Berühmtheit gelangte: das Massaker, das der Rechtsextremist, Islamhasser und Odin-Verehrer Anders Breivik unter den Teilnehmern eines Jugend-Sommerlagers der sozialdemokratischen Partei verübte, nachdem er zuvor den Anschlag in Oslo begangen hatte.

Das Ungeheuerliche dieser Tat durchdringt den Film, der im Wesentlichen von den knapp 75 Minuten erzählt, in denen Breivik sich ungehindert auf der Insel bewegen und 69 Menschen mit Schüssen töten konnte. Der inszenatorische Ansatz ist herausfordernd wie zwiespältig: ein Nachstellen des Geschehens aus der Perspektive der Opfer, das als ungeschnittene Plansequenz präsentiert wird.

Dem nur schemenhaft sichtbaren Mörder will der Film dabei so wenig Raum wie möglich einräumen. Anders als bei der zur gleichen Zeit gedrehten Aufarbeitung der Terroranschläge durch den Briten Paul Greengrass ("22 July") klammern Poppe und die Drehbuchautorinnen Siv Rajendram Eliassen und Anna Bache-Wiig auch Breiviks wirre Hass-Ideologie und alle traumatischen Folgen des Angriffs aus.

Die Konzentration auf eine Protagonistin erweist sich jedoch schnell als problematisch, da so ihr Schicksal und das jener Jugendlichen, mit denen sie auf der Flucht Kontakt hat, mehr filmisches Gewicht erhält - die anderen Opfer des Angriffs rücken in den Hintergrund. Ein zwischenzeitlicher Perspektivwechsel hätte diesen Zwiespalt möglicherweise verhindert.

Ambivalente Gefühle weckt auch die handwerkliche Virtuosität, mit der Poppe und Otterbeck die Panik der Figuren als formales Mittel übernehmen und nur ausschnitt- und momentweise Blicke auf die Gefahr zulassen. Immer wieder nähert sich "Utoya 22. Juli" auch der Erzählweise von Horrorfilmen oder Thrillern an.

Trotz alldem erscheint der Film keineswegs undurchdacht oder zynisch. An Details zeigt sich, wie sorgfältig und gewissenhaft Poppe und die Autorinnen vorgegangen sind, um billige Sentimentalitäten oder Effekthascherei zu vermeiden. Die jungen Schauspieler agieren glaubwürdig. Vor allem die Hauptdarstellerin Andrea Berntzen offenbart in aufwühlenden Sequenzen, wie Kaja an die Grenzen ihrer Belastbarkeit getrieben wird. Mitmenschlichkeit und Empathie werden der Angst und dem Terror entgegengehalten, womit Poppe gegen den Schrecken dieses Tages die Botschaft der Hoffnung in Stellung bringt.

Diese wäre noch überzeugender, wenn der Film sich in seiner Machart nicht letztlich doch an der perfiden Dramaturgie des Mörders orientieren und die Opfer nicht ausschließlich in jenen Minuten zeigen würde, in denen sie rennend, kriechend oder schwimmend nach einem Ausweg suchten, während ihr Verfolger einem nach dem anderem das Leben nahm.




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