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Montag, 18.06.2018


"Erstaufnahmezentren sind zumeist Orte der Verwahrlosung"

Flüchtlinge wurden in Deutschland "stillgestellt" - Viele Behörden denken statt an eine Bemühung für Integration schon an spätere Rückkehr oder Abschiebung

Berlin (KNA) Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler hat den technokratischen Umgang mit Flüchtlingen in Deutschland kritisiert. "Alles, was nach Selbsthilfe aussieht, wird verhindert, sagte Münkler im Interview der Zeitung "Die Welt" (Freitag). Nicht mal das Essen dürften sie selbst austeilen, wegen der deutschen Hygienebestimmungen. "Ordnungsliebe und Kontrolle steht über allem", so Münkler. "Diese Menschen kamen aus einer Extremsituation hier an, voller Adrenalin und Testosteron, und wurden stillgestellt, regelrecht sediert."

Der Politologe sprach sich klar gegen das Projekt von Ankerzentren aus, mit denen man Menschen nicht verankere, sondern lediglich festhalte. "Erstaufnahmezentren sind zumeist Orte der Verwahrlosung", so Münkler. Flüchtlinge, die ihre Papiere vernichteten, um nach deutschem Recht nicht mehr abgeschoben werden zu können, agierten strategisch und würden zumeist auch beraten.Deutschland müsse den Hebel umlegen und sagen: "Ist mir egal, wo ihr herkommt. Uns interessiert eher, wie ihr euch in dieser Gesellschaft aufstellt, wann ihr arbeiten könnt." In Schweden nenne man das "Spurwechsel", so Münkler; das "entdramatisiert enorm". Nicht das Fehlen von Papieren dürfe zur Belohnung führen, sondern das Vorlegen von Papieren müsse zur Voraussetzung für Integration gemacht werden.

Auch den Vorstoß für einen BAMF-Untersuchungsausschuss lehnt der Politikwissenschaftler ab. Solche "parteipolitischen Manöver" könnten vielleicht etwas von dem klären, was damals schiefgelaufen sei. Aber nichts davon lasse sich zurückdrehen. Von Anfang an habe die Politik zuwenig "vom Ende her gedacht", kritisierte er. Sortierung und Administration seien zu stark vom Gedanken der späteren Rückkehr oder Abschiebung geleitet gewesen und nicht von der Bemühung um Integration.Münkler erinnerte auch daran, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan "jederzeit wieder den Stöpsel ziehen kann", um einen neuen Flüchtlingsstrom in Gang zu setzen. Die Rufe, man habe "die Route geschlossen", seien Illusion.