Newsinternational Samstag, 04.11.2017 |  Drucken

Streit um Taj Mahal

Das weltberühmte Mausoleum, errichtet von einem muslimischen Großmogul, ist den regierenden Hindunationalisten ein Dorn im Auge - inzwischen scheint immer öfter die Devise zu gelten: "Hindus First"

Neu Delhi (KNA) Weltkulturerbe seit 1983, architektonisches Juwel, Touristenmagnet. Großmogul Shah Jahan (1592-1666) ließ den Taj Mahal als Grabmal für seine 1631 verstorbene große Liebe Mumtaz Mahal errichten. Seither fasziniert die "Krone des Palastes" die Besucher aus nah und fern. Doch das strahlend weiße Ensemble im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh droht herabzusinken in einen ziemlich schmutzigen politischen Streit, der einiges verrät über die Verwerfungen im Indien der Gegenwart.

Das wird regiert von der BJP und Premierminister Narendra Modi. Die BJP wiederum ist der politische Arm der radikal-nationalistischen Bewegung Hindutva. Hindutva bezeichnet das politische Konzept, aus Indien einen hinduistischen Gottesstaat zu machen. Dazu passt nicht, dass der Norden Indiens zwischen 1526 und 1858 von muslimischen Großmoguln wie Shah Jahan regiert wurde. Mehr noch: Die Hindu-Nationalisten lassen kaum eine Gelegenheit aus, um die Gefahr einer neuerlichen islamischen Dominanz über Indien und den Hinduismus an die Wand zu malen.

Und so wird der Taj Mahal zum Zankapfel in einem bizarren Kampf der Kulturen. Denn die BJP regiert auch im Bundesstaat Uttar Pradesh. Der Taj Mahal spiegle nicht die indische Kultur wider, ließ Regierungschef Yogi Adityanath, ein ehemaliger Hindu-Priester, vor einigen Wochen verlautbaren. Die im Haushalt 2018 vorgesehen Mittel zur Instandhaltung des weltberühmten Bauwerks wurden gestrichen, der Taj Mahal aus den Broschüren zur Tourismuswerbung entfernt.

Hier kommt nun Alphons Kannanthanam ins Spiel, seit fast zwei Monaten nationaler Tourismusminister - und Katholik. Der 64-Jährige äußerte sich Mitte Oktober in der "Times of India" zu der Debatte um den Taj Mahal. Er sprach von einem "völligen Missverständnis" und fügte hinzu, Yogi Adityanath habe lediglich deutlich machen wollen, dass der Bundesstaat Uttar Pradesh Touristen mehr als nur den Taj Mahal zu bieten habe.

Vielleicht wollte sich der Minister um Mäßigung bemühen. Doch Kritiker sehen sich in der Ansicht bestätigt, dass Kannanthanam eine blasse Figur ist - von dessen Berufung sich Premier Narendra Modri verspricht, seine BJP bei der Wahl 2019 auch für Christen attraktiv zu machen. Ein Schlüsselrolle dabei spielt Kerala, die Heimat von Kannanthanam. Der Bundesstaat im Süden Indiens ist politisch eine Hochburg der Kommunisten, für die Kannanthanam einst im Landtag saß, sowie der Kongresspartei der Familie Gandhi.

Die BJP konnte bisher keinen einzigen der 22 Sitze des Staates im indischen Parlament für sich reklamieren. Um das zu ändern, braucht Modi die Christen, die in Kerala mit einem Bevölkerungsanteil von 20 Prozent unter den 33 Millionen Einwohnern ein gewichtiger Wählerblock sind. "Teile der christlichen Hierarchie dazu zu bringen, sich positiv über die BJP zu äußern, ist der einfachste Weg, das Vertrauen der Christen zu gewinnen", schreibt Pater Paul Thelakkat in seinem Beitrag "Wer ist Alphons Kannanthanam?" im "Indian Express".

Doch führende Kirchenvertreter schwiegen zu der Berufung eines Katholiken in Modis Kabinett. Es gab keine offiziellen Glückwünsche; eine Anfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) an den Vorsitzenden der Indischen Bischofskonferenz, Kardinal Baselios Cleemis Thottunkal, mit der Bitte um ein Statement blieb bislang unbeantwortet.

Unterdessen verschärfen die Hindunationalisten mit Blick auf den Taj Mahal den Ton. Vor wenigen Tagen forderte die radikale "Nationale Freiwilligenorganisation" (RSS) das Verbot des islamischen Freitagsgebets am Taj Mahal. Man werde bald Beweise dafür vorlegen, dass der Taj Mahal ursprünglich ein hinduistischer Shiv-Tempel gewesen sei, tönte Balmukund Pandey, Generalsekretär der Abteilung für Geschichte der RSS.

Bereits 2015 wollte eine Gruppe von Anwälten diese Ansicht per Gerichtsentscheid durchsetzen und die Anlage unter hinduistische Kontrolle bringen. Die Initiative scheiterte damals am Widerstand aus dem Kulturministerium. Doch inzwischen scheint immer öfter die Devise zu gelten: "Hindus First."




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